Posts mit dem Label Buch werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Buch werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 12. Mai 2015

belesen [Schmarrn] ... qualvolle ungelesene Bücher als Übersetzungsfehler?

Nach mehreren qualvollen Anlesern habe ich schweren Herzens und auch in Ermangelung von Zeit beschlossen ... den Schmarrn les ich ned fertig! BASTA! Etwas, was ich wirklich nicht leiden kann, aber so geht das nicht!!! Aus!!!

Das passiert zum Glück bei der Hyde eh sehr selten, doch vor kurzem kam es zu diesem Ärgernis mit Carlos Fuentes "Die gläserne Grenze". Der Grundtenor der Storys zielt auf Aufdecken der Spannungen, Sehnsüchte und Klischees auf beiden Seiten entlang der amerikanisch-mexikanischen Grenze hin. Wunderbar! So weit, so toll, Inhalte ganz nach meinem Geschmack! Ich liebe es, wenn Dingen die Decke weggezogen wird und Verstecktes, Verleugnetes, Verwunschenes sichtbar wird. Der Herr muss auch ein ausgesprochen guter Vertreter der schreibenden Künste der Region sein, las ich.

Doch schon die erste Kurzgeschichte hat mich dermassen negativ irritiert, ekelhaft! Abgesehen vom manchmal fasrigen, manchmal übermäßig schwülstigen Mischstil ist auch der Inhalt einfach pfui: Ein einflußreicher Patenonkel bandelt mit seiner schönen und jungen Patentochter aus der Hauptstadt deftig an, stecken wir die Zunge in den Hals, weil eh egal, die heiratet eh den Sohn. Häh?!

(Cover des Buches "Die gläserne Grenze" von Carlos Fuentes im Fischer Verlag; gesehen auf:  www.lovelybooks.de)

Wahrscheinlich tue ich dem Fuentes jetzt massiv Unrecht und in Wirklichkeit würde er - auf Spanisch! - eh sehr fein schreiben. Nur kann ich halt - es ist jammerschade und ich hasse mich dafür - Spanisch nicht lesen! :-( Auf Deutsch war besonders die erste Geschichte halt echt nicht zum Aushalten! Schade! Ich habe mir soviel mehr erwartet, liebe ich doch die Mittel- und Südamerikaner heiß. Tja.

Das Übersetzungsdilemma wird in jüngerer Zeit ja besonders bei Haruki Murakamis Werken heftig diskutiert. Nunmehr ist zum Beispiel sein Werk "Gefährliche Geliebte" aus dem Jahre 2000 neu übersetzt herausgebracht worden ("Südlich der Grenze, westlich der Sonne", 2013 bei Dumont - hier eine Kurzbeschreibung). Anscheinend tat dem ursprünglichen Unternehmen die Übersetzung von Japanisch auf Englisch und dann erst auf Deutsch nix Gutes.

 (Haruki Murakamis Roman aus dem Jahre 2000 in der Neuübersetzung (links) von 2013; gesehen auf: jetzt.sueddeutsche.de)

Nachdem ich das Buch schon vor längerer Zeit gelesen hatte, kann ich mich nicht mehr wirklich gut daran erinnern, weiß aber noch dieses Gefühl in mir von "recht japanisch-poetisch is des oba ned". Vielleicht kennen wir nun den Grund dafür und schon damals lag es an einer unschönen Übersetzung?!

Nur, die Arbeit der ÜbersetzerInnen ist ja wahrlich keine einfache, in Wirklichkeit MUSS ja zwangsläufig ein ganz neues Werk entstehen. Manche davon sind eben nicht so gelungen. Soll es geben. Mal schauen, wie sich der neue-alte Murakami macht!

Man will ja niemanden voreinnehmen von einem Werk, aber Mrs. Hyde dachte sich, besser mal den Ärger über den Fuentes-Schinken rauslassen als dran weiter würgen. Alsdann, es geht schon weiter - im nächsten Literaturver ... ähm ... aufriss begibt sich Mrs. Hyde wieder in heimische Gefilde. Stay tuned und keep on lesing, Kinders!

Freitag, 10. April 2015

belesen [Ägypten] ... was Taxifahrer in Kairo zu erzählen haben

Aus dem Leben gegriffen war wohl selten zuvor eine derart passende Formulierung für ein Werk.

Das schmale Bändchen "Im Taxi.. Unterwegs in Kairo" von Chalid al-Chamissi (bzw. auch Khalid al-Khamissi geschrieben) ist zwar auf den ersten Blick unscheinbar jedoch dermassen reich mit Geschichten vollgepackt, es war eine reine Freude jede einzelne zu gustieren.

Mit gekonntem orientalischen Erzählstil fasst al-Chamissi seine Gespräche mit Taxifahrern in Kairo innerhalb einiger Jahre zusammen. Alle Geschichten spiegeln wahrlich fantastische Einblicke in den Alltag und die Gesellschaft Ägyptens wider. Von einem Einheimischen festgehalten.
 
(Foto: Buchcover von Chalid al-Chamissis Erzählband "Im Taxi", erschienen im Lenos-Verlag; gesehen auf:  http://www.lenos.ch/books/chamissi_taxi.htmlhttp://www.lenos.ch/books/chamissi_taxi.html)

Besonders deutlich werden die Sorgen und Nöte der Bevölkerung angesichts der politischen Lage (das Buch ist 2011 auf Deutsch bei Lenos erschienen): neben Repressalien der Taxifahrer von Polizei und Behörden, erlaubt es auch ein Gefühl für die Altagssorgen der ÄgypterInnen zu bekommen.


Die Variation der Erzählungen ist groß, hier eine kleine Gustostückl-Auswahl:

Amüsant wirkt zum Beispiel die Geschichte des schlafenden Fahrers. Die arme Haut schnarch während der Fahrt mehrmals sehr zum Schrecken des Fahrgastes mehrmals weg. Wie sich herausstellt muss er dringend 3 Tage am Stück fahren, um seinen Schulden für das Taxi abzahlen und Essen kaufen zu können. Schafft er es nicht verliert er neben dem Taxi als einizgen Lebensunterhalt auch alles andere. Ein anderer rechnete sich ganz genau aus, wie viel ihm so eine Hochzeit mit seiner hübschen Cousine alles kosten würde und dann müsse er auch noch den Haschisch und das Rauchen aufgeben - er entschied sich gegen die Heirat! :-)

Wütend machen die Hyde als emanzipierte Europäerin natürlich die stark religiös verblendeten Hetzen gegen Frauen, die manche der Fahrer vorbringen. Eine Frau, die arbeiten geht ist eine Schlampe, eine Frau, die zuhause ein Widerwort gibt ist eine Hexe, ... usw. Zwar geben manche auch unumwunden zu, dass die Männer heutzutage aggressiv den Röcken nachjagen und so die jungen Mädchen und ihre Ehre gefährden, Schuld sind natürlich die Frauen. Besonders ihr Lachen.
"Diese Mädchen müssen geschlachtet werden, nein, Schlachten ist noch zu gut für sie, die müssten verbrannt werden! Vermutlich ist das ein Zeichen für das Weltende - denn das Weltende naht. Dekadenz greift um sich, die Moral verfällt, Korruption macht sich breit."
(aus Chalid al-Chamissi "Im Taxi", 2011, S. 39).

Beschämend für die ägyptische Gesellschaft findet Mrs. Hyde auch die Erzählung eines Fahrers, der such wunderte, als sich eine zunächst komplett verschleierte Frau im Taxi umzuziehen begann. Der Familie erzählte sie, sie arbeite in einem Hospital, das ist "ehrbar". Tatsächlich muss sie als ganz normale Kellnerin arbeiten, weil sie da ca. 1000x(!) mehr verdienen kann. Nur geht das eben nicht verschleiert, dafür muss sie sich ein wenig schön machen. Die Schlampe wäre dennoch sie, nicht die Umstände sind es, die sie zu Heimlichtuerei zwingen, um Geld für ihre Familie verdienen zu können. Unfassbar, welch tagtägliche Repressalien Frauen in vielen Kulturen immer noch hinnehmen müssen!

Empörend auch die rassitischen und zutiefst antiisraelischen bzw. antisemitischen Ansichten mancher Fahrer und die Abscheu vor den Amerikanern. Einer sagte:
"Aber nun ist Krieg unvermeidlich. Die Israelis müssen einfach Krieg führen. Frieden wird sie umbringen, das wissen sie genau. Jeder Vorwand ist ihnen recht, um einen Krieg zu provozieren. Sie äugen nach Syrien und dem Irak, sie reizen Iran udn zündeln in Palästina. Sie wollen, dass die Region in Flammen aufgeht, damit sie noch mehr Geld von den Amerikanern bekommen und ihre Jugend noch zionistischer wird. Wenn sich die Lage beruhigen würde, würden die Juden allesamt nach Europa zurückkehren."
(aus: Chalid al-Chamissi, "Im Taxi", 2011, S. 48)

Kurios ist die Erzählung eines Fahrers, der ein wahres Börsenass zu sein scheint. nur irgendwie reich werden schafft er dank zu kleinem Startkapital und gehörig Pech dann doch nie.


Al-Chamissis Geschichten faszinierten wie schon lange keine "real life stories" mehr. Zum einen liegt es sicherlich an der Meisterhaftigkeit des Autors die Erzählungen auch stilistisch sehr gut aufbereitet zu bringen. Andererseits sind sie dennoch nicht zu verkünstelt, sondern die diversen Personen als Erzähler in all ihren menschlichen Besonderheiten erkennbar geblieben. Außerdem ist al-Chamissi auch ein Einheimischer und gibt clevere, prägnante Anmerkungen zur damals aktuellen Situation.


Ein tolles literarisches Fundstück!