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Dienstag, 15. September 2015

belesen [Russinnen] ... schon ist dem Brenner wieder was passiert

Eigentlich ist der Brenner ja jetzt in Pension. Natürlich, von Herzens wegen bleibt einer, der immer schon Polizist war wohl immer Polizist.

Eigentlich wollt der Brenner ja nur weil ihm fad war ein bisserl in dem Datingportal schauen, der Unterhaltung wegen, sonst nichts. Hat ja seine Freundin, die ist ganz lieb zu ihm.

Eigentlich.


Was dann folgt ist eine der zugleich witzigsten und spannendsten Krimis in einem! Wolf Haas ist bekannt für seinen eigenwilligen Stil, der sich ungewöhnlich nahe am Gesprochenen (Wienerisch) aufhält. Was bei anderen schon in Dialogform schlecht gelingt, ist bei Haas unfassbar gelungen. Manche Sätze sind nur halb ausformuliert, anderes grundsätzlich verkürzt. Das ganze kommt zudem noch ironisch-sarkastisch und oft nur noch grenz-böse daher! Ein Heidenspaß!


(Foto: Cover des neuen Haas-Romans aus der Brenner-Serie; gesehen auf www.faz.net)


Haas' Seriendetektiv Simon Brenner will einer jungen Russin aus dem Datingportal helfen ihre verschwundene Schwester, ein blutjunges Model, zu finden, die von einem Shooting in Wien nicht mehr zurückgekehrt war. Angeblich soll sie von einer Wiener Mafia-Gruppierung festgehalten werden. Brenner aktiviert also ein paar alte Informanten, taucht in die Tatowierszene ein und versucht sich dennoch so weit wie möglich rauszuhalten ... doch der Ärger lässt nicht lange auf sich warten.

 
(Foto: der Autor Wolf Haas bei einer Lesung, auch die sind Unterhaltung pur; gesehen auf: willkommen-oesterreich.tv)


Zudem drängt ihn seine Freundin Herta immer noch mehr zu "helfen", so soll er Nadeschda, die Schwester der Gesuchten, doch bei sich zuhause aufnehmen, sie könnte ja auch in Gefahr sein. Das gefällt bald der Fremdenpolizei so gar nicht. Da beginnt der ganze Schlamassel auch schon unangenehm zu werden - es werden Hände abgehakt, Schamanen gesucht, Gerüchte über tatowierte Riesenpenisse grundlegend vernichtet, prügelnde 10-Jährige Straßenkids überlebt, und und und.

Ein furioses Werk, das man einfach auf einen Sitz verschlingen MUSS! Das achte Werk der Brenner-Reihe macht Lust auf viel viel mehr Brenner!

Dienstag, 5. Mai 2015

belesen [Selbstmord] ... die mittel- und südamerikanischen AutorInnen kommen

Claudia Pineiros Werk "Elena weiß Bescheid" (2009) ist sicherlich kein Krimi. Ja, es stirbt jemand, die Tochter der Hauptfigur hat sich im Kirchenstuhl erhängt. Angeblich. Denn Elena, die Mutter, weiß - bei Regen wäre ihre Tochter niemands in die Kirche gegangen! Als ich das Buch von einer Bekannten empfohlen bekommen hatte, reichte alleine schon diese seltsame Aussage mir das Buch gleich zur Brust zu nehmen.

Elena ist eine schwerkranke Mittsechzigerin, die an Parkinson leidet. Ihr Körper ist stark verkrümmt, die Arme und Beine gehorchen kaum noch, sie kann viele Bewegungen nicht mehr machen und doch will sie dem Mord, da ist sie sicher, ihrer Tochter auf den Grund gehen.

Und da ihr weder Polizei noch Kirche ihren Verdacht, der Selbstmord der Tochter sei nicht so eindeutig wie es scheint, glauben will, zwingt sie sich mit Medikamenten aufgeputscht um sich wenigstens ein wenig bewegen zu können, zu einer Reise in die Hauptstadt nach Buenos Aires.
(Buchcover von "Elena weiß Bescheid"; gesehen auf: www.unionsverlag.com)

Im Laufe der Erzählung hört man immer mehr hinein in die Geschichte der beiden Frauen, Elena und Rita, Mutter und Tochter, die sich anscheinend inbrünstig hassten und für ihrer beider faden Leben verantwortlich hielten. Die eine, fühlt sich mit der Parkinson-Erkrankung im Stich gelassen, auch von Gott, die andere muss sich um jemanden kümmern, der sie wenig schätzt. Vielleicht ist auch mehr dahinter?


Schön zu erkennen aber zunächst etwas gewöhnungsbedürftig sind die häufigen Wortwiederholungen. Aber es ist auch sehr stimmig. Alles ist an das Tempo der Hauptfigur angepasst! Fast wirken die Wiederholungen auf mich auch als hielte Elena - im Kopf ja völlig klar, ihr Körper ist nur völlig hinüber - alle anderen für beschränkt, weil sie ihre Bemühungen um Klärung der wahren Todesursache ihrer Tochter nicht erkennen können.

(Die vielgelobte argentinische Autorin Claudia Pineiro; gesehen auf: www.diariodecultura.com.ar)

Ein unangenehmes weil berührendes Buch mit vielen schmerzhaften Untertönen, das durch sein ausgezeichnetes sprachliches Kalkül betroffen macht. Schlimm ist auch die häufig nagende Frage der Mutter, wie man eine Mutter mit einem toten Kind denn nennt? Schließlich gibt es mit Waisen ja auch den umgekehrten und durchaus benammsten Fall.

Im Unionsverlag ist im Übrigen auch ein Interview mit Claudia Pineiro über das Buch erschienen.